Du kennst das Bild bestimmt: vier Kreise, die sich überschneiden. Was du liebst, worin du gut bist, was die Welt braucht und wofür du bezahlt wirst. In der Mitte steht „Ikigai“. Ich habe es selbst schon in einem Artikel über Ikigai verwendet, es taucht in Strategieworkshops auf, in Employer-Branding-Präsentationen und gefühlt in jedem zweiten LinkedIn-Post über Sinn im Job.
Das Problem: Mit dem japanischen Ikigai hat dieses Diagramm wenig zu tun. Die Seite Ikigai Tribe hat das in ihrem Beitrag über das Ikigai-Framework gut aufgearbeitet. Ich fasse zusammen, was dahintersteckt, und was du daraus für Marketing und Führung mitnehmen kannst.

Woher das bekannte Diagramm stammt
Die vier Kreise hat der spanische Autor Andrés Zuzunaga 2011 gezeichnet, und zwar als Diagramm über Purpose, also über den Lebenszweck. Öffentlich erschien es 2012 im Buch „Qué harías si no tuvieras miedo“ von Borja Vilaseca.
Im Mai 2014 schrieb der Blogger Marc Winn einen Beitrag mit dem Titel „What’s your ikigai?“. Er nahm eine übersetzte Fassung von Zuzunagas Diagramm und ersetzte das Wort „Purpose“ durch „Ikigai“. Später schrieb er selbst, er habe ein Wort in einem Diagramm geändert und damit ein „neues“ Meme in die Welt gesetzt. Genau dieses Meme hat sich verbreitet.
Das Diagramm ist deshalb nicht falsch oder nutzlos. Es beschreibt aber eine westliche Idee von Purpose: die perfekte Schnittmenge aus Leidenschaft, Können, Bedarf und Bezahlung. Wer es „Ikigai“ nennt, verkauft eine Karriereplanung als japanische Lebensweisheit.
Was Ikigai in Japan bedeutet
Das Wort setzt sich aus „iki“ (leben) und „gai“ (Wert) zusammen. Gemeint ist das, was das Leben lebenswert macht. Und das ist in Japan vor allem ein Gefühl, kein Ziel, das du mit einer Methode erreichst. Ikigai Tribe schreibt sinngemäß: Es gibt kein Framework, mit dem Japaner ihr Ikigai finden. Die meisten beschreiben es als etwas, das sie spüren.
Die Psychiaterin Mieko Kamiya, die als „Mutter der Ikigai-Psychologie“ gilt, formulierte es so: „Ikigai ist etwas, das man fühlt. Es hängt mit dem eigenen Selbstwert und den persönlichen Werten zusammen.“
Zwei Unterschiede zum Venn-Diagramm finde ich besonders wichtig:
- Ikigai muss nichts mit Beruf oder Geld zu tun haben. Im Venn-Diagramm ist Bezahlung einer von vier Kreisen. Im japanischen Verständnis kann Ikigai genauso gut im Garten, in der Familie oder in einem Hobby liegen.
- Ikigai kann klein sein. Es kann ein großes Lebensziel sein, aber auch der erste Kaffee am Morgen oder ein Spaziergang am Abend. Laut Ikigai Tribe ist Ikigai stärker auf die Zukunft ausgerichtet als Glück: Es ist das, worauf du dich freust.
Kamiyas sieben Ikigai-Bedürfnisse
Mieko Kamiya veröffentlichte 1966 das Buch „Ikigai-ni-Tsuite“ („Über Ikigai“). Es gilt in Japan bis heute als Standardwerk für Forschende und Psychologen. Sie beschreibt darin, wann das Gefühl von Ikigai entsteht, das Ikigai-kan: wenn sieben Bedürfnisse erfüllt sind.

- Lebenszufriedenheit: das Gefühl, dass sich dein Leben in eine gute Richtung bewegt.
- Wandel und Wachstum: neue Erfahrungen machen und nicht stehen bleiben.
- Eine helle Zukunft: kurz- und langfristige Ziele, auf die du hinlebst.
- Resonanz: Verbundenheit mit anderen Menschen und das Gefühl, angenommen zu sein.
- Freiheit: selbst wählen und entscheiden können.
- Selbstverwirklichung: eine Aufgabe, die nur du auf deine Weise erfüllen kannst.
- Sinn und Wert: das Gefühl, dass dein Leben zählt.
Auffällig ist, dass hier keine Formel steht, die man ausrechnet. Kamiya beschreibt Bedingungen, unter denen etwas wachsen kann.
Ken Mogis fünf Säulen
Der japanische Neurowissenschaftler Ken Mogi hat mit „The Little Book of Ikigai“ eines der bekanntesten Bücher zum Thema geschrieben. Er beschreibt fünf Säulen, die Ikigai stützen. Wichtig ist sein Hinweis: Die Säulen schließen sich nicht gegenseitig aus, sie sind nicht vollständig und haben keine Reihenfolge oder Rangfolge.

- Klein anfangen: Fortschritt entsteht in kleinen Schritten. Der Weg und das Lernen zählen mehr als Perfektion.
- Sich selbst annehmen: Zufriedenheit wächst, wenn du dich nicht ständig mit anderen vergleichst.
- Harmonie und Nachhaltigkeit: an andere denken und an die Folgen dessen, was du tust.
- Die Freude an kleinen Dingen: kleine Rituale im Alltag, die dir Freude machen, unabhängig von Anerkennung.
- Im Hier und Jetzt sein: präsent bleiben, neugierig und offen wie ein Kind.
Was heißt das für Marketing und Führung?
Wenn du mit Purpose, Markenstrategie oder Employer Branding arbeitest, lohnt sich der Unterschied. Drei Gedanken dazu:
Nenn das Diagramm beim richtigen Namen. Das Venn-Diagramm ist ein brauchbares Werkzeug, um über Positionierung, Stärken und Marktbedarf zu sprechen. Nenn es aber Purpose-Diagramm. Wer in einer Kampagne oder auf der Karriereseite „Finde dein Ikigai bei uns“ verspricht und damit nur die vier Kreise meint, wirkt schnell oberflächlich. Spätestens dann, wenn jemand im Publikum sitzt, der das japanische Konzept kennt.
Kamiyas Liste ist eine gute Brille für die Employee Experience. Freiheit, Resonanz, Wachstum und eine Zukunftsperspektive sind genau die Punkte, an denen sich zeigt, ob Menschen gern bei dir arbeiten. Mehr Gehalt erfüllt keines dieser Bedürfnisse direkt. Wenn du an der Employee Experience arbeitest, frag dich bei jeder Maßnahme, welches der sieben Bedürfnisse sie stärkt. Zum Thema Freiheit passt auch mein Artikel über Autonomie am Arbeitsplatz.
Mogis erste Säule passt zu jedem Veränderungsprojekt. Klein anfangen ist das Gegenteil des großen Purpose-Workshops, nach dem ein schönes Plakat im Flur hängt und sich sonst nichts ändert. Ein Team, das jede Woche eine Kleinigkeit verbessert, kommt weiter als eines, das auf die perfekte Strategie wartet.
Mein Fazit
Ich habe das Vier-Kreise-Bild früher selbst als Ikigai erklärt. Es ist ein nützliches Modell für die Frage, wo Leidenschaft, Können und Markt zusammenpassen. Ikigai ist es nicht. Das japanische Konzept ist leiser und alltäglicher: Es geht darum, was dein Leben lebenswert macht, auch wenn es nichts mit deinem Job zu tun hat.
Für die Arbeit im Marketing finde ich beides wertvoll. Das Purpose-Diagramm für die Strategie, Kamiyas sieben Bedürfnisse und Mogis fünf Säulen für die Frage, wie sich Menschen in einem Unternehmen wirklich fühlen. Wenn du tiefer in das Thema Purpose einsteigen willst, findest du hier passende Purpose-Werkzeuge und eine Erklärung zum Golden Circle.
Quelle: Ikigai Tribe: The Ikigai Framework. Weiterführend: Ikigai Tribe: The Seven Ikigai Needs, Ikigai Tribe: Ken Mogi’s 5 Pillars of Ikigai, Ikigai Tribe: Ikigai Misunderstood and the Origin of the Ikigai Venn Diagram. Grafiken: eigene Darstellung.



